Thursday, October 14, 2010

bye bye love - bye, bye happiness


Danke, für den Wink mit dem Zaunpfahl, inwieweit dir meine Phantasien gestohlen bleiben können. Du willst nichts weiter über sie erfahren. Meine geliebte Katzenfrau kann dir den Buckel runterrutschen, Menschenbuckel, und möglichst so fallen, dass sie sich ernsthaft verletze. Ihr imaginäres Dasein soll ein schicksalhaftes Ende finden (das gönn ich dir noch Boris!) und für immer aus deinem Dunstkreis verduften. Ist ja keine echte Frau, deren lavendelparfümierte Aura da verloren geht.
Aber es hilft alles nichts, denn sie wird auf ihren zwei Beinen landen. Ja, das wird sie.

In deiner Gegenwart habe ich zwangsläufig nie ohne implizitem Augenzwinkern von ihr erzählt. Natürlich glaube ich nicht an solche Geistesspiegelungen. Ich fabuliere gerne. Ja, ihre fellüberzogenen Finger, die anmutigsten überhaupt, ihr glanzvolles Wirken als Schnittmeisterin und Näherin an meiner Seite sind blanker Tagtraum. Irgendwelche fehlgesteuerten poetischen Anwandlungen. Wie die Erhabenheit ihres schweifenden Ganges mich erschaudern lässt und dass sie die einzige Frau ist, deren Allerwertester mich am Schwengel packt und in Höhenflüge katapultiert, darf als sexuelle Verschrobenheit durchgehen. Solange das Traumbild den Trieben zugeordnet werden kann ist es legitim.

Die blaue Katzenfrau lebt nur in deinem Kopf, Boris. Dieser halb slovakischen halb österreichischen Melone, im Donautiefland zwischen Bratislava und Wien herangereift, hat dort wohl einen leichten Sonnenstich abbekommen. Wie wenige mickrige Fädchen sie noch mit Mutter Erde verbünden, fragst du?

Muss ich es denn noch ausbuchstabieren? Für euch ist sie nicht dinglich, nicht greifbar, nicht fassbar, nicht leibhaftig, nicht stofflich, nicht konkret, für mich jedoch mindestens so real, wie jedes andere Lebewesen auf diesem Planeten! Sie erscheint mir nicht fremder, als jene Taube dort, am Balkonsims gegenüber, oder die schlangenhälsigen Schwäne im Kanal ein paar Schritte vorm Haus. Von der Präsenz etwaiger Pferde, Kühe, Eseln, Ziegen, Schafe, der ich allzu selten ausgesetzt bin, ganz zu schweigen. Das Nilpferd im Berliner Zoo ist bei weitem unfassbarer, der Pelikan, der Vogel Strauss, die Seehunde, Menschenaffen befinden sich gänzlich ausser Reichweite. Trennt uns auch nur ein Zaun, ich kann den Anblick ihrer Gestalten nicht vollständig in mich aufnehmen. Sie erscheinen mir wie Chimären. Die Katzenfrau hingegen, die Katzenfrau erkenne ich!

Tuesday, October 12, 2010

die blaue Katzenfrau


Neben dem Hauseingang, inmitten von Schuhen, Erdbröckchen, Kieseln, Staub und vom Wind angetragenen Blättern, lässt sich die Katzenfrau auf die Knie nieder. Nahezu statisch streichen ihre blauledernen Fingerkuppen über die Kanten der rechteckigen Einsenkung im Fliesenboden und die Kokosfasern des harmlosen Fußabtreters darin.

Soeben war sie aus dem Schlafzimmer in der ersten Etage des Landhauses geschlüpft, wo sie, wie so oft in den vergangenen Nächten, das Kind mit den blonden Locken betrachtet hatte. Viele Stunden weilt sie dann neben dem schlafenden Barockengel, registriert jede leiseste Regung. Der Verlauf der unterschiedlichen Schlafphasen, winzige Unregelmäßigkeiten des Atems, Umschichtungen der Gliedmaßen, ein kurzes Anheben des Kopfes, Schnaufen, Husten, Murmeln, Stöhnen im Traum - jede Kleinigkeit wird in der weitherzigen Stille zu einem fesselnden Geschehnis.

Als die blaue Katzenfrau schließlich, durch rätselhaftes Ächzen aus dem höher gelegenen Stockwerk aufgeschreckt, das Zimmer verlassen hatte, um lautlos die Stiegen hinabzugleiten, blieb sie auf halbem Weg stehen und lauschte zögerlich. Alle menschlichen Hausbewohner schliefen. Das Geräusch war wohl nichts weiter als das Knarren eines Lattenrostes oder Diele gewesen. Sobald ihre Augen aus der dunklen Biegung der Wendeltreppe hervortraten, reflektierten sie das Glimmen des Kamins im Erdgeschoss. Mit aller Eindringlichkeit verspürte die Frau den Wunsch, wieder an die Seite des Kindes zurückkehren zu dürfen. Womöglich würde sie einschlafen. Ja, wenn sie ehrlich war, traf genau das ihr tiefstes Sehnen - sich im Bettchen unter einer Decke neben das kleine Menschlein zu kuscheln, seinen Atem zu inhalieren.

Noch wird im Wohnraum die Umgebung des offenen Kamins von sachte schwelenden Holzscheiten erwärmt. Einzelne verstreute Lichtflecke reichen bis an den Fußabstreifer in die Nische des Eingangsbereichs. Die Katzenfrau steht in Betrachtung versunken.
Ein kleines weißes Federgeistchen war von ihr auf den Fasern der Fußmatte entdeckt worden. Vorsichtig hat sie das Tierchen hochgenommen und nahe an die Augen gebracht. Ein ausnehmend zarter Nachtfalter mit delikaten Flügeln, die wie eine Aneinanderreihung von Miniaturfedern wirken. Einer der Flügel ist eingerissen. Entzückt studiert sie den unscheinbaren weißen Körper und Kopf mit den feinen Fühlern, wie sie sich gegen das Blau ihrer Handfläche abheben.

Auf solche Weise verbringt die Katzenfrau die Nächte, kontemplativ mit feiner Beobachtungsgabe das Leben auf der Erde bestaunend. Dabei will sie ungesehen bleiben. Nur in Ausnahmesituationen zeigt sie sich größeren Tieren. Die Kleinen waren kaum zu vermeiden, doch selbst hier achtet sie darauf, nicht allzu sehr durch ihre ungewohnte Präsenz zu beängstigen. Sie ist selbst äußerst schreckhaft und kann es partout nicht leiden überrascht zu werden.

Seufzend legt sie das tote Federgeistchen zurück und lässt ihren Blick über den hölzernen Rahmen der Eingangstür entlang winzigen gewellten Spuren schweifen. „Wahrscheinlich Fraßlöcher der Larven einer der zahlreichen Bockkäferarten. Über diese Insekten hatte die Katzenfrau in Band Zwei ihrer alten Enzyklopädie „Die Vierfüßler, Insekten und Spinnenkerfe“ mit Lederumschlag gelesen. Stammte der Text auch aus dem Jahr 1913 und war in Frakturschrift gedruckt, so war es noch immer ein präzises und hilfreiches Nachschlagewerk. Eigentlich stiehlt die Katzenfrau so gut wie nie, aber bei der Ansicht dieses Buches hatte sie dem inneren Drängen nachgegeben. Und die dicke Schwarte passte wirklich außerordentlich gut zu ihrem viktorianischen Kleid. Mit dem Buch unterm Arm kam sie sich höchst gelehrt vor.

Bisweilen erinnert sie sich an das im Biedermeierstil gehaltene Wohnzimmer. Gleich mehrere Nächte hintereinander hatte sie diese Wohnung nahe dem Wiener Prater als Aufenthaltsort gewählt, um beim letzten Besuch zögernd das Buch zu entwenden. Die Tatsache, dass den Bewohnern ja noch die restlichen zwölf Bände von Brehms Thierleben blieben, beruhigte ihr Gewissen. Ja, die Katzenfrau wollte den unwiderstehlichen Schmöker hierher nach Malta schleppen, hatte ihn nun im hintersten Garagenwinkel unter ihrem Deckenlager liegen.
Lautlos öffnet sie die Glastür zum Kaminzimmer einen Spalt breit und huscht hindurch. Nur das Rascheln ihres gestärkten Kleids ist zu vernehmen.

Sunday, June 6, 2010

Über Dancing on Ashes (2)


Das Glas Rotwein auf dem kleinen runden Tisch den ich mit drei jungen Mädchen teile, kann mir über die Distanz die das Paar auf der Bühne erzeugt nicht hinweghelfen. Auch nachdem ich es geleert habe, wollen mich diese maskenhaften Gesichter emotional nicht packen, denn ihre Funktion ist, sich vom umgebenden Kontext herauslösende, entäußernde Gestalten zu sein. Ich ertappe mich dabei wiederholt nach Anbindung zu suchen, aber die Figuren schaffen nichts als Abstand zu den umgebenden Objekten, Klängen, Lebewesen. Abstand dominiert den Raum.

Das Bassspiel des Mannes geht graduell in slapping Technik über, während die Frau im durchsichtigen viktorianischen Frankensteinkleid (viel Arbeit!) die auf eine Note reduzierte Zirkularatmung an der Flöte unterbricht und das Improvisationsfeld ausweitet. Dabei erhebt sie sich aus dem Fersensitz und treibt die Töne etappenweise in die nächstgelegene Oktave, über Triller in ein pointiertes Klimax. Es folgt abrupte Stille und das Paar zieht sich diskret zurück.

Die Mädels neben mir schielen zögerlich um sich. Soll man nun klatschen? Meine Hände ruhen untätig im Schoss. Ich beobachte, wie die Leute an ihren Getränken nippen und verpasse den Moment, den ich bei der Generalprobe so genossen hatte. Den Weg der Silhouette einer japanischen Geisha aus dem Dunkel bis an den Rand des Lichtkegels. Ihr unverkennbarer schwebender Gang in den wundervollen Sandalen. Es folgt ein traditioneller Tanz in Abwesenheit musikalischer Begleitung. Die eleganten Schritte, die ruhigen Gesten und Verneigungen, das Wechselspiel zwischen Ergreifen und Loslassen des Stoffes (den Kimono habe selbstverständlich nicht ich gefertigt) erhalten über ihre kulturelle Unerreichbarkeit und den sinnentleerten Kontext eine eigenartige abstrakte Intimität. Nach diesem Tanz klatschen die Zuseher.

Die nächste Szene ist meine Lieblingsstelle im Stück. Die Hauptdarstellerin betritt Vamp-mässig die Bühne und entwickelt eine ziemlich groteske und äußerst deftige stand-up comedy. Ein Gespräch zweier Dildos, Gunther und Hans-Heinrich, zwischen denen sie zu vermitteln hat. Es klingt zu dumm um wahr zu sein, ist aber herrlich offensiv, widerwärtig, abstoßend, unflätig, unverschämt, beleidigend und zum kaputtlachen. Oh, wie ich die Offenherzigkeit dieses Humors genießen kann! Und am Ende des Aktes wird die Frau von einem Riesendildomonster verschluckt. Genial.

to be continued...

Thursday, February 18, 2010

Dancing on Ashes (1)


Der große Mann sitzt auf seinen Füßen. Gemessene Haltung mit dunklem zerzaustem Langhaar. Weißes Gesicht, schwarze Augenhöhlen, schwarze Lippen. Auf den Oberschenkeln der schwere Jazz Bass. Fingerspiel in Variationen - open tuning. Ein Biest, aufs äußerste zurückgeschraubt, voll irrlichternder Demut. Aus welcher Hölle er wohl zu uns auf die Bühne zurückgekehrt sein mag?

Neben ihm sitzt sie. Noch unscheinbar. Später wird sie tanzen und uns durch die verschiedenen Akte von Dancing on Ashes geleiten. Noch senken sich ihre Augen über die silberne Querflöte, auf der Suche nach Mikrotönen rund um Sol. Ihr schmales Gesicht mit maskenhaftem Make-up, ist in Schwarz-weiß gehalten, ihr dunkles Haar hochgesteckt.

Das Paar strahlt Ruhe aus. Als sollte dem Lauf der Zeit stattgegeben werden, fern der Versuchung einzugreifen. Sie atmet ausgedehnt, zieht die Töne sachte über lange Strecken hinweg. Er sieht uns an, unverwandt.

Das ist die Einleitung. Ich bestelle mir ein Glas Rotwein.
Wie sitzen wir hier auf unseren mit rotem Samt überzogenen Stühlen um kleine Tischchen gruppiert? Man blickt sich an und lächelt einander zu. Voller Erwartung. Ja, voller Erwartung! Haben wir nicht gehört, es werde wild. Richtig wild!
Aber rückblickend kann ich euch sagen: Es war nicht wild, sondern durchgehend kontrolliert und auf Essenz hin gebündelt. Jeder einzelne Akt suchte in seiner inneren Logik danach, möglichst weit vorzudringen. Es ging nicht ums Ausbrechen, vielmehr ums Zusammenschnüren, um kompakte Verdichtung. Ich sage euch, es ging darum zu bändigen, um mit Konsequenz Kräfte zu kanalisieren.

Warum hängen so viele Menschen dem Irrtum an, dass eine Gestalt auf der Bühne, die durch körperliche Direktheit berühren will, sich einfach nur gehen zu lassen brauche.
„Aufgepasst, es wird wild!“ verkündete die Kritik nach der Prämiere. Sind die Leute wirklich so gepolt, dass sie ein Spiel mit Klischees nicht zu deuten wissen? Wenn jemand im Gothic Rock-Outfit steckt, können sie in Folge nur ihre Erwartungshaltung erfüllt sehen?

Ich finde, Katharsis ist nicht ohne weiteres mit „wild sein“ zu umschreiben. Und kathartische Momente durchziehen dieses Kabarett!

to be continued...